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Gescher und die Glocken

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Gescher und die Glocken

»Der weiß ja gar nicht, wo die Glocken hängen«, sagt man landläufig zu einem, der nicht so genau Bescheid weiß. 48 Senioren der MTG wollten es daher genau wissen und haben sich am 10. März 2020 mit dem Bus auf die Reise nach Gescher gemacht, einer Stadt im nordwestlichen Münsterland, nur 3 km von der Autobahn A 31 nach Emden entfernt. Wir mussten nur wenige Meter gehen und schon bei der ersten Begegnung mit einem Einheimischen dachten wir, dass wir den falschen Ort angefahren haben. Denn im Ruhrgebiet ist man gewohnt, diesen Ort mit einem gedehnt »e« auszusprechen: [ˈɡeːʃɐ]. Wir waren doch überrascht, dass wir nun den Ort nur mit einem kurzen »e« hörten: [ˈɡɛʃɐ].

Kaum hatten wir unser Ziel, die Glockengießerei Petit & Gebr. Edelbrock erreicht und die Senioren stürmten schon in den Verkaufsraum (schon wegen des leichten Nieselregens), so kamen alle schnell wieder auf die Straße; denn wir wurden zunächst mit einem Lied begrüßt. Vom Giebel des Hauses in der Hauptstraße 5 klang durch zahlreiche kleine Glocken uns das Lied »Freut euch des Lebens« entgegen. Erst danach ging es durch die schmale Gasse auf das Betriebsgelände, wo wir freundlich von Frau Ellen Hüesker begrüßt wurden. Sie ist Glockenexpertin und hatte die Aufgabe übernommen, uns Laien in das Geheimnis des Glockengusses einzuweihen. Glocken sind schon etwas Besonderes, denn sie begleiten unser Leben von der Geburt (Taufe), über Kommunion, Konfirmation, Heirat bis zum Tode, d.h. durch freudige - aber auch traurige Ereignisse. Dazu gehören auch das sonntägliche Läuten vor dem Gottesdienst und das Angelusläuten um 12 Uhr mittags. Seit über 325 Jahren ist die Glockengießerei in Gescher ansässig und seit dieser Zeit werden die Glocken hier im traditionellen Lehmformverfahren gegossen. Auch daher darf Gescher seit 2013 offiziell den Namenszusatz »Glockenstadt« tragen.

An einem kleinen Glockenstuhl mit zwei elektrisch angetriebenen Glocken erklärt uns Frau Hüesker zunächst den Aufbau einer Glocke. Es beginnt von oben mit der Krone, darunter der Hals, die Schulter und die Flanke. Am unteren Teil der Glocke befindet sich der innere Schlagring (dort wo der Klöppel anschlägt) und die Schärfe. Die Form einer Glocke wird durch die Rippe bestimmt. Zum Glockenguss wird eine Schablone erstellt, welche durch Rotation um die Mittelachse die Form der Glocke (und damit die Größe, das Gewicht und den Durchmesser) vorgibt. Durch diese genau berechnete Rippe wird das Klangverhalten der Glocke bestimmt. Die verschiedenen Rippenformen sind das Betriebsgeheimnis einer Glockengießerei. Im Bild ist die Rippe einer großen Glocke zu erkennen. Die so dargestellte Rippe gibt einmal das innere und äußere Maß der Glocke an. Denkt man sich den hier wieder angehefteten Teil weg, ergibt sich die äußere Form der Glocke.

Beim weiteren Gang durch die Werkstatt sahen wir viele künstlerische Bronzegussstücke. Allein vom Glockenguss kann heute keine Gießerei mehr leben, immerhin hält eine Glocke im Schnitt mindestens 300 Jahre. So wurde schon um 1900 mit dem Kunstguss begonnen. Dazu gehört auch die Herstellung von Unikaten und kleinen Serien. Entscheidend ist dabei das Vertrauen des Künstlers in die Erfahrung des Gießers, wie sein Werk in Metall umgesetzt wird. Heute beschäftigt das Unternehmen 26 Mitarbeiter.

Der weitere Schritt in die Werkstatt führt uns in eine andere Welt, und zwar in das Herzstück einer Glockengießerei – die Glockengrube mit dem Schmelzofen. 1925 wurde dieser 13t-fassende Schmelzofen errichtet und ist auch heute noch zuverlässig in Betrieb. In der Glockengrube werden die großen Kirchenglocken vorbereitet und dann gegossen. Zunächst wird der Kern aufgemauert und anschließend mit Zusätzen vermengter Lehm aufgetragen. An der Spindel in der Mitte der Glocke befindet sich die Schablone. Durch Drehung wird nun ihre Form auf den Kern übertragen, indem mit immer feiner werdendem Lehm schließlich ein glatter Kern entsteht, der genau dem inneren Maß der Glocke (dem Hohlraum) entspricht. Durch den inneren Hohlraum wird dann die Form beheizt und trocknet dabei aus. Da jede einzelne Lehmschicht trocknen muss, bevor die nächste aufgetragen wird, nimmt dieser Schritt viel Zeit in Anspruch. Auf den Stahlträgern über der Glockengrube sind die Nummer der Glocke, der Ton und der Bestimmungsort angeschrieben.

Als nächster Schritt wird auf den Kern der Glocke zunächst ein Gemisch aus Wasser und feiner Asche aufgetragen. Diese Schicht dient als Trennmittel zur nächsten Schicht. Diese besteht aus einem Gemisch von Sand, Lehm und Zement, es entsteht die sogenannte »falsche Glocke«. Als äußeres Maß dient nun wieder die Spindel mit der Schablone, aber mit herausgenommener Glockenrippe. Es entsteht ein exaktes äußeres Abbild der späteren echten Glocke. Als letzte Schicht wird ganz feiner Lehm aufgetragen. Nach dem Trockenvorgang wird die gesamte »falsche« Glocke fein mit Rindertalg eingeschmiert. Der Rindertalg dient wieder als Trennmittel zur nächsten Schicht. Zunächst aber wird die sog. Glockenzier mit einem Kleber auf Kolophoniumbasis aufgetragen. Unter der Glockenzier versteht man die Texte und Ornamente, welche später die Glocken zieren sollen. Diese sind oft künstlerisch gestaltet und dann auf Wachsbasis erstellt. Mit ganz feinem Lehm wird die Glockenzier überzogen und dann auch die gesamte »falsche« Glocke damit bedeckt.

Schicht um Schicht mit diesmal immer gröber werdendem Lehm wächst so der »Glockenmantel«. Auf die Form ist inzwischen auch die Krone aus Wachs aufgesetzt worden. Einzelne Schichten werden zur besseren Stabilität auch armiert. Immer wieder werden die einzelnen Schichten wieder erhitzt und getrocknet. Während des gesamten Trockenvorgangs ist allmählich das Wachs geschmolzen. Danach wird vorsichtig der »Glockenmantel« abgehoben. Auf seiner Innenwand sind nun die Schriften und Verzierungen als Abdruck im Negativ zu erkennen. Darunter befindet sich die »falsche Glocke«, welche nun nicht mehr benötigt wird. Sie wird vom Kern der Glocke abgeschlagen. Der Kern wird ab­schließend fein gesäubert und kontrolliert, ebenso der Mantel.

Nun wird der Mantel wieder über den Kern gestülpt. Der Hohlraum zwischen Mantel und Kern, der vorher von der falschen Glocke eingenommen worden war, ist nun der Hohlraum, der dann beim Gießen mit der Bronze gefüllt wird. Anschließend wird die gesamte Glockengrube schichtweise mit Erde gefüllt und verdichtet bis nur noch die Einfülllöcher und die Austrittslöcher für die Luft zusehen sind. Das Verfüllen ist unbedingt notwendig, damit die Gussform dem Druck der Schmelze aushält. Das ist nun der Moment, welchen Friedrich Schiller in seinem Gedicht »Das Lied von der Glocke« 1799 beschrieben hat:

 

Fest gemauert in der Erden
Steht die Form, aus Lehm gebrannt.
Heute muß die Glocke werden.
Frisch, Gesellen! seyd zur Hand.
Von der Stirne heiß
Rinnen muß der Schweiß,
Soll das Werk den Meister loben!
Doch der Segen kommt von oben.

 

Bereits einen Tag vor dem Gießen wird der Schmelzofen mit der »Glockenspeise« aufgeheizt. Die Glockenspeise besteht aus 78 % Kupfer und 22 % Zinn, ein Gemisch, welches als Bronze bezeichnet wird. Bei ca. 1100 °C hat die Schmelze die richtige Temperatur erreicht. Es wird mit trockenen Fichtenstämmen gerührt. Ein Zapfen verschließt bis zu diesem Zeitpunkt den Schmelzofen, welcher immerhin 13 t Bronze fassen kann. Glocken werden immer an einem Freitag um 15 Uhr gegossen, dem Zeitpunkt des Todes von Jesus Christus. In der Regel sind immer Vertreter der auftraggebenden Gemeinde dabei, es werden Lieder gesungen, Gebete gesprochen und der bevorstehende Guss gesegnet. Dann wird vom Gießmeister um absolute Ruhe gebeten, denn der folgende Ablauf ist genau abgestimmt und es wird eine Reihe von Kommandos gegeben, welche in einem Stimmengewirr nicht untergehen dürfen. Mit den Worten: »Wir wollen in Gottes Namen gießen«, spricht der Gießmeister den entscheidenden Satz.

Nun wird der Zapfer, welcher bisher den Ofen verschossen hat, ausgestoßen und die glühend heiße Bronze fließt durch die offenen gemauerten Rinnen nacheinander zu den einzelnen Eingusslöchern der Formen. Auch hier gibt der Gießmeister die entscheidenden Anweisungen. Über die sogenannten Windpfeifen entweicht die Luft aus der Glockenform. Nun erstarrt die Bronze in den Formen.

Nach einigen Tagen sind die Glocken abgekühlt und werden ausgegraben. Der Mantel und der Kern werden von der Glocke entfernt. In der folgenden Feinarbeit wird die Glocke gereinigt, gesandstrahlt, entgratet und geschliffen. Dazu gehört auch die Feinabstimmung der Glocke. Die normale Unterteilung der Töne in Ganz- und Halbtonschritte ist für eine Glocke viel zu grob. Daher werden die Halbtöne noch in Sechzehntel unterteilt, sodass der Umfang einer Oktave in 192 unterschiedlichen Tönen wieder gegeben werden kann. Unser menschliches Ohr vernimmt aber den Ton insgesamt als Klang, d.h. einer Mischung aus verschiedenen Tönen. Im Hof der Gießerei demonstrierte uns Frau Hüesker diese Feinheiten einer Glocke. Verschiedene Stimmgabeln werden angeschlagen und dann an die Glocke gehalten. Durch die Resonanz klingt die Glocke dann mit diesem Ton. Eindrucksvoll wurde es dann, als Frau Hüesker einen passenden Glocken­klöppel dreimal gegen die Glocke schlug. Jetzt entwickelte sich der volle Wohlklang der Glocke, andächtig lauschten die Senioren bis der letzte Ton verhallt war. Dieses Vergnügen konnte auch durch den leichten Dauerregen nicht geschmälert werden. Und wie es mittlerweile üblich ist, war dann der Shop für uns geöffnet. Kleine Glocken und Bronzegussstücke fanden ihren Absatz.

Nun wartete bereits das Mittagessen auf uns. Auch die Bronzeskulptur der »Wurstaufholer« konnte uns nicht von unserem Weg in das nahegelegene Hotel »Zur Krone« abbringen. Unter einer riesigen Kopie des Gemäldes »Die Nachtwache« von Rembrandt van Rijn wurde uns hier ein Mittagessen serviert, welches selbstverständlich den Namen »Glockenteller« trug.

Danach gingen wir durch die Anzahl der Senioren bedingt, in zwei geführten Gruppen durch die Stadt. Frau Tanja Vermöhlen war dabei der mehr karnevalistisch geprägte Teil, während Frau Ruht Neumann die eher westfälisch gestimmten Art der Führung übernahm. Für uns ging es zunächst ins Zentrum der Stadt – zum Rathaus. Entweder stand das Rathaus schief oder es lag am Schnaps, den wir gar nicht getrunken hatten. Bei der Planung des 1989 eingeweihten neuen Rathauses an der Nachtstelle zwischen dem alten Ortskern und an der Hauptstraße und den Gebäuden um die Marienkirche sollte es eine gestalterische Anbindung geben. Da der Grundriss der ehemaligen Post zum Grundriss des Rathauses um 6° abwich, waren die beteiligten Künstler und Architekten der Meinung, diese Abweichung ganz bewusst in die einzelnen Elemente einzubeziehen. Eine Backsteinmauer am Rathaus, absichtlich ein Verkehrshindernis, senkt sich um 6° in den Boden. Daran schließen sich 44 Lichtmasten an, im selben Winkel geneigt.

Aber es kam noch schlimmer. Im Lichthof des Rathauses erstreckt sich auf 36 m² über drei Etagen ein Wandgemälde des italienischen Künstlers Corrado Simeoni mit dem Titel »Maskerade«. Der Mensch ist ein geborener Narr, so wurde anlässlich der Eröffnung über dieses Werk gesprochen. Aber bis zu diesem Zeitpunkt war schon ein Sturm der Entrüstung und Auseinandersetzungen über die Stadtväter von Gescher hergezogen. Es war ein an Hieronymus Bosch erinnerndes Gewimmel von Gestalten, Fratzen und Masken entstanden, und das häufig in eindeutigen sexuellen Aktivitäten. Das war für das katholisch-konservative Gescher einfach zuviel. Einige Bürger von Gescher waren vorher sogar bereit, gegen Bares sich in diesem Gemälde in einer der tausend Figuren verewigen zu lassen. Nun sprach man von einer besudelten Wand und wollte den Künstler zum Teufel jagen. Schließlich setzte man auch das Honorar herunter.

Anmerkung von Corrado Simeoni – bereits 1989 verfasst:

Der Karneval ist schon immer … für die Menschen eine Möglichkeit gewesen, sich von den Repressionen und Frustrationen des alltäglichen Lebens zu befreien. Es ist ein e kurze Zeit im Jahr, in der fast alles erlaubt ist. Die von Konventionen unterdrückten Triebe und Gelüste werden befriedigt. Man kann ungestraft verrückte Dinge tun, ohne das Gesicht zu verlieren, denn man bleibt inkognito, da man maskiert ist.

… Symbolische Typen tummeln sich auf dem Gemälde: Gute und Böse, Mörder und Selbstmörder, Sadisten und Masochisten, Religiöse und Konfessionslose, Teufel und Heilige, Respektvolle und Unverschämte, Vergewaltiger und Vergewaltigte, Scheinheilige und Gotteslästerer, Lügner und Arglose, Scharlatane und gute Leute, Gesunde und ansteckende Kranke, Leidende, Exhibitionisten und Schüchterne, Prinzen und Bettler, Bischöfe und Prediger: und Soldaten und Aristokraten, und Adelige, Juden Christen und Muselmanen, Prostituierte und Nonnen, Homosexuelle, Schwindler, Protestler, usw. usw.

Nach eingehender Betrachtung des Gesamtkunstwerkes ging es zum letzten Besichtigungspunkt, der katholischen Pfarrkirche St. Pankra­tius im Zentrum der Stadt. Im 12. Jhrd. wurde hier bereits eine Steinkirche errichtet. Die heutige Kirche wurde in der Zeit zwischen 1490 und 1510 errichtet. Die Hallenkirche (spätgotisch und neugotisch) wurde aus Backstein und Naturstein errichtet. Später erfolgten Erweiterungen der Seitenschiffe. Über einem der zwei Innenräume erhebt sich der hoch aufragende Turm mit den Glocken. Durch den Eingang an der nördlichen Stirnseite betreten wir den Innenraum und stehen unmittelbar vor dem wuchtigen romanischen Taufstein. Er wurde bereits gegen Ende des 11. Jhrd. angefertigt und ist das älteste erhaltene Ausstattungsstück der Kirche. Das Becken wird von vier Löwen getragen.

Den Abschluss dieses beeindruck­enden Tages bildete der Besuch der Cafeteria am Westfälischen Glocken­museum mit reichlich Kaffee und Kuchen. Gefüllt mit vielen Eindrücken und Informationen ließen wir die Reise ausklingen. Der Besuch des Museums war nicht mehr vorgesehen, aber wir hatten ja nun ausgiebig alles über Glocken und ihre Herstellung erfahren, getreu dem Motto: SOLI DEO GLORIA – Gott allein sei die Ehre..

Ernst-Albert Ratajczak

 


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